Gedanken zum Buch „Indistractable“

Ich bin auf Nir und sein zweites Buch „Indistractable“ durch den Podcast „On the Way to New Work“ gestoßen, der eigentlich auf Deutsch ist, allerdings werden einige Episoden mit internationalen Gästen auf Englisch gehalten.

Nir ist Experte für die Entwicklung von Gewohnheiten und Produkten, die sich durchsetzen. Er war Dozent in Stanford und am HPI, hat zwei Unternehmen aufgebaut und schließlich verkauft und arbeitet heute als Investor, Redner, Berater und natürlich als Buchautor.

Wenn atomic habits ein Handbuch für persönlicher Gewohnheiten ist, so ist Nirs erstes Buch hooked ein Handbuch, um die Gewohnheiten von Nutzern zu managen und Produkte zu gestalten, die Menschen fesseln. Facebook, Google und all die anderen Internetgiganten nutzen psychologische Tricks, um attraktivere („more sticky“) Produkte zu entwickeln – warum sollten Startups das nicht auch tun?

Und für all diejenigen, die Nir dafür kritisiert haben, dass er sein erstes Buch darüber geschrieben hat, wie man Menschen süchtig nach einem Produkt macht, kommt hier die Abhilfe: ein Buch darüber, wie man ‚indistractable‘ (= nicht abzulenken von den eigenen Zielen) wird!

Zusammenfassung von Kernideen

Das Gegenmittel gegen Impulsivität ist Voraussicht

Im Gegensatz zu anderen Tieren können sich Menschen vorstellen, wie die Zukunft aussehen könnte. Sie beklagen sich oft, wie ablenkend die Welt doch ist. Aber sie können etwas dagegen tun: Vorausschauendes Denken ermöglicht uns, zu planen und zu vermeiden abgelenkt zu werden. Man muss nicht warten, bis der Schokoladenkuchen auf dem Weg zum Mund ist – man kann früher etwas dagegen tun.

Menschen, die sich nicht ablenken lassen, haben Prinzipien, Gewohnheiten und andere Systeme, die ihnen bei der Kontrolle ihrer Impulse, bei der Entscheidungsfindung und der Planung im Vorfeld helfen.

So unter dem Motto: „Einen Fehler mehr als einmal zu wiederholen, ist eine Entscheidung.“ – Du hast mich einmal erwischt, aber jetzt verstehe ich, warum, und ich werde etwas dagegen tun.

Vorausschauendes Denken ist schwierig, weil es nicht natürlich ist – es muss gelernt und trainiert werden. Es ist Teil von System 2 Denken, d.h. es erfordert eine bewusste mentale Anstrengung, anstatt affektiv auf eine Situation zu reagieren (was Teil von Systems 1 Denken ist, in Anlehnung an Thinking: Fast and Slow von Daniel Kahnemann).

Wir leben heute in einer Welt des Überflusses: Wie Factfulness von Hans Roßling aufzeigte, sterben mittlerweile mehr Menschen daran, dass sie zu viele als zu wenige Kalorien essen. Es gab noch nie eine bessere Zeit in der Geschichte, um am Leben zu sein (mit Bezug auf den durchschnittlichen Lebensstandard weltweit). Dennoch müssen wir lernen, mit diesem Überfluss umzugehen, mit all der Freiheit und all den möglichen Entscheidungen. Es wird einen großen Unterschied geben zwischen Menschen, die ihre Zeit von anderen kontrollieren lassen, und solchen, die das nicht tun (= die nicht ablenkbar sind), d.h. die Prinzipien, Gewohnheiten und Systeme entwickelt haben.

Ablenkung ist weder ein neues Phänomen, noch wird sie durch die Digitalisierung und die Nutzung von Handys hervorgerufen. Digital Detox führt nur dazu, dass sich die Art der Ablenkung verschiebt, z. B. vom Surfen im Internet zum Blättern in Büchern.

Was ist das Gegenteil von „Ablenkung“?

Es ist nicht Fokus oder Konzentration. Es ist Vorankommen. (engl. disTRACTION vs traction)

Traktion ist eine Handlung, die uns den eigenen Werten näher bringt, den Dingen, die wir selbst erreichen möchten, und der Person, die wir werden möchten. Ablenkung ist ebenfalls eine Handlung, die wir selbst vornehmen, die uns aber von unseren Zielen, von dem, was wir vorhaben, und von der Person, die wir werden wollen, ablenkt.

Jede Handlung kann Traktion oder Ablenkung sein, basierend auf einem Wort: Absicht. Man kann etwas nicht als Ablenkung bezeichnen, wenn man nicht weiß, wovon es einen ablenkt.

Wenn wir das, was wir uns vorgenommen haben, ausführen, entsteht Traktion. Das Reagieren auf äußere oder innere ‚Trigger‘ sorgt für Ablenkung. Und Ablenkungen zu rationalisieren ist gefährlich: Es führt dazu, dass wir das Einfache tun und nicht das Wichtige (= das, was uns weiterbringt).

Äußere Trigger (Klingeltöne, Benachrichtigungen, oder auch andere Menschen) machen nur etwa 10 % der Fälle aus, in denen wir uns ablenken lassen. 90 % werden durch innere Trigger verursacht: unangenehme emotionale Zustände, wie Einsamkeit, Langeweile, Müdigkeit, Angst, Stress etc.

Zeitmanagement ist Management unangenehmer Gefühl

Meist lassen wir uns ablenken, weil wir nicht wissen, wie wir mit einem unangenehmen Gefühl umgehen sollen. Daher müssen wir erst verstehen, welchem Unbehagen wir zu entkommen versuchen.

1) Die inneren Trigger beherrschen.
2) Sich Zeit nehmen für Traktion = produktive Zeit.
3) Die externen Trigger managen.
4) Ablenkung durch Vorabverpflichtungen verhindern (das kann ganz einfach sein, z.B. mit Kollegen in einem Büro statt alleine zu arbeiten schafft eine Verpflichtung, sich auf die anstehenden Aufgaben zu konzentrieren und daran zu arbeiten)

Taktik ist das, was man tut; Strategie ist, warum man es tut.

Regelmäßigkeit vor Intensität: Menschen, die Außergewöhnliches leisten, erreichen dies nicht an einem Wochenende, sondern durch regelmäßiges Training. Menschen erreichen den Peak ihres Potenzials durch regelmäßige Anstrengung.

Regelmäßigkeit und damit herausragende Leistungen erreicht man durch Flow.

Zufriedenheit ist evolutionär nicht förderlich; daher sind Menschen nie zufrieden und streben nach mehr (in Anlehnung an Yuval Hararis Bücher Sapiens und Homo Deus).

Die Person werden, die man sein möchte

Die meisten Menschen entkommen unangenehmen Gefühlen, die durch innere Trigger verursacht werden, normalerweise durch Klicken, Spielen, Trinken und andere Ablenkungen. Leistungsstarke Menschen nutzen sie, um sich selbst anzuspornen, mehr zu trainieren und besser zu werden – wie einen Raketentreibstoff.

Werte sind Eigenschaften der Person, die man werden will.
Wie würde die Person, die man werden will, die nächste Woche verbringen?

1) Sich um sich selbst kümmern: eine bestimmte Schlafenszeit einhalten, Zeit für sich selbst einplanen, usw.
2) Zeit für Beziehungen, Familie und Freunde, Zeit mit anderen einplanen (ihnen nicht nur das geben, was übrig bleibt)
3) Zeit für Traktion (Arbeit an dem, was voranbringt)
4) Zeit für reaktive Arbeit (auf E-Mails reagieren, usw.)

Einen Kalendar zu verwenden, um Zeit für diese verschiedenen Bereiche einzuplanen, hilft, dass man sich nicht ablenken lässt.

„Beschäftigt sein“ vs. „Arbeit erledigen“ ist ein ähnliches Konzept wie „in Bewegung sein“ vs. „handeln“, das in Atomic Habits beschrieben wird.

Gedanken zu „Indistractable“

Mir gefällt die Idee, dass Ablenkung eine bewusste Handlung und dass das Gegenteil eher Traktion als Konzentration ist. Nir gibt auch eine neue Perspektive auf Zeitmanagement – dass es nicht nur darum geht, zu planen, wann was zu tun ist, sondern auch darum, wie man mit verschiedenen emotionalen Zuständen und äußeren oder inneren Triggern umgeht.

Das Buch vermittelt ein wenig den Eindruck, dass man sein Leben bis auf die Minute genau planen muss, um nicht ablenkbar zu sein (unter dem Motto, „wenn es nicht in meinem Kalender steht, wird es nicht passieren“) – wie sollte man sonst wissen, ob man „auf dem richtigen Weg“ oder „abgelenkt“ ist?

Natürlich gibt es Vorteile, Zeitfenster im Kalender zu reservieren, um Traktion zu erzeugen (d.h. an Projekten zu arbeiten, die einen voranbringen), aber wenn man alles verplant, bleibt wenig Raum, um „spontan“ zu sein und auf sich verändernde Umstände zu reagieren.

Interessanter Artikel im Zusannehang damit (English only): An exact breakdown of how one CEO spent his time

Auch die Vorhersage des eigenen emotionalen und mentalen Zustands im Laufe des Tages kann eine Herausforderung sein. Vielleicht ist es eine gute Idee, sich Alternativen offen zu halten, die einen alle weiterbringen, wenn man nicht in der Stimmung sind, das zu tun, was Man sich vorgenommen haben. Im Sinne von „spüren und reagieren“ statt „vorhersagen und kontrollieren“ Reinventing Organisations. Man könnte im Kalender also z.B. einfach Zeit für Traktion reservieren und dann spontan entscheiden, an welchem Projekt man am liebsten arbeiten würde.

Eine andere Idee wäre, zwei Kalender zu haben – einen für fest vorgegebene Termine und einen für Termine mit sich selbst, den man flexibel anpassen könnte, je nachdem, ob Aufgaben früher oder später erledigt werden.

Man sollte also insgesamt ein Maß an Planung finden, mit dem man sich wohlfühlt. Es geht eher darum, eine produktive Einstellung aufrechtzuerhalten und Zeit mit Traktion zu verbringen, als sturr einem vorgegebenen Plan zu folgen. Nirs Buch „Indistractable“ liefert hier einige gute Denkanstöße und einige spezifische, oft ziemlich offensichtliche, aber auch oft ignorierte Ratschläge wie z.B. „weniger E-Mails beantworten führt dazu, weniger E-Mails zu erhalten“, oder z. B. für die Schaffung einer entsprechenden Arbeitsumgebung, für die Erziehung von Kindern oder den Aufbau von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Leseempfehlungen

  • Hooked – das erste Buch von Nir Eyal, in dem es darum geht, wie man Kunden an sein Produkt binden kann – damit es ’sticky‘ wird und Gewohnheiten entstehen
  • Deep Work von Cal Newport zur Schaffung von Traktion
  • Flow von Mihaly – ein Klassiker darüber, was Flow ist und wie man diesen Zustand erreicht/aufrechterhält
  • Atomic Habits für persönliches Gewohnheitsmanagement
  • Factfulness, um mehr über den aktuellen Zustand der Welt, in der wir leben, zu erfahren (und den Überfluss an Optionen, den Nir beschrieben hat)