Klimaflucht und die Suche nach Technologien zur Lösung des Problems

Dieser Februar war für alle Raumfahrt-Enthusiasten ziemlich aufregend, denn gleich drei Weltraummissionen erreichten den Mars: Hope (Emirates Mars Mission) und Tianwen-1 (China’s Mars Mission) traten in den Marsorbit ein, um die Marsatmosphäre zu untersuchen. Und letzte Woche landete der NASA-Rover ‚Perseverance‘ auf seiner ‚Mars 2020‘-Mission auf dem Mars, um nach Anzeichen für uraltes mikrobielles Leben zu suchen oder sogar Proben zur Erde zurückzubringen.

Dass sind ziemlich aufregende Zeiten, wenn man bedenkt, dass das Interesse und die Investitionen in Weltraummissionen nach dem Kalten Krieg deutlich zurückgegangen sind und dass wir es bis heute nicht geschafft haben (oder nicht wollten?), eine Präsenz im Weltraum neben der ISS zu etablieren; ganz zu schweigen davon, dass wir im letzten Jahrzehnt ein Monddorf gebaut hätten. Es ist also großartig zu sehen, wie dieses Interesse durch die laufenden Mars-Missionen wiederbelebt wird, ebenso wie durch die SpaceX-Pläne, mit der Kolonialisierung des Mars bis Mitte dieses Jahrzehnts zu beginnen.

Zur gleichen Zeit veröffentlichte die Klimabewegung Fridays for Future (FFF) letzte Woche eine satirische Tourismusanzeige, die den Mars als perfektes Reiseziel anpreist: kein Krieg, keine Verschmutzung und keine Pandemien. Ein unbefleckter Planet und eine neue Welt. Also, wer würde da nicht hinwollen? Man muss sich nur daran gewöhnen, in einer Raumstation zu leben.

Natürlich das ist purer Blödsinn. Und das war der ganze Sinn der Anzeige. Wie FFF gegenüber Euronews ausführte, werden 99 % der Menschheit niemals die Chance haben, zum Mars zu reisen. Aus Sicht der Aktivisten würden die Regierungen daher das Geld besser für die Bekämpfung der Klimakrise verwenden, anstatt Milliarden von Dollar für die Erforschung des Weltraums auszugeben.

Und genau an dieser Stelle schafft die Anzeige nicht ihre Botschaft rüber zu bringen: Die Idee zu promoten, zum Mars zu reisen, ist wahrscheinlich nicht der effektivste Weg, um das Bewusstsein für die Klimakrise zu schärfen. Zu viel Eskapismus, zu wenig Fokus darauf, wie das eigentliche Problem angegangen werden kann.

Außerdem geht es am Thema vorbei, denn astrobiologische Forschung ist weder Eskapismus, noch ist Einschränkung der Weltraumforschung ein guter Ansatzpunkt, um zusätzliche Kräfte für den Klimaschutz zu mobilisieren. (Wie bereits aufgezeigt wurde, hat die US-Regierung im Jahr 2019 etwa 700 Milliarden Dollar für die Verteidigung, aber nur 21,5 Milliarden Dollar für die Wissenschafts- und Erkundungsprogramme der NASA bereitgestellt. Die FFF-Kritik scheint an dieser Stelle fehl am Platz*.)

Ich glaube nicht, dass die Überlegung, entweder wir retten die Erde oder wir reisen zum Mars, uns sehr weit bringen wird. Die Erforschung des Weltraums hat das Potenzial, das Interesse der Allgemeinheit an Wissenschaft und Technologie zu wecken. Sie wird zu Fortschritten führen, Technologie und Gesellschaft vorantreiben und sogar eine technologische Lösung zur Reduzierung oder besseren Erfassung von Emissionen fördern.

Das lässt sich an den Fortschritten im letzten Jahrhundert ablesen. Der Kalte Krieg und insbesondere die Sputnik-Krise führten zu einem massiven Anstieg von Weltraumverteidigungsprojekten und -innovationen, einer stärkeren Fokussierung auf MINT-Bildung und schließlich zu massiven Investitionen in die Chipindustrie die das Silicon Valley hervorbrachten.

Die Suche nach Technik

Heute beschäftigen sich immer mehr Menschen mit der Klimakrise. Doch das Sputnik-Ereignis fehlt.

Trotz aller Bemühungen von Greta und FFF, die Millionen von Menschen auf der ganzen Welt aktivierten, haben die politisch Verantwortlichen bisher versäumt, global adäquate Maßnahmen zu ergreifen. Die letzte UN-Klimakonferenz, COP25, war ein Beispiel dafür. Und während die Daten über den fortschreitenden Klimawandel absolut klar sind, ist es absolut unklar, wie man diesen Wandel angesichts der aktuellen Politik und des Stands der Technik verhindern kann.

Wo ist das Sputnik-Ereignis, das zu massiven Anstrengungen beim Pflanzen von Bäumen und der Rekultivierung von Böden, zu höheren CO2-Abgaben und zu einer strengeren Regulierung (oder gar einem Verbot!) von CO2-emittierenden Aktivitäten führt?

Eine sofortige Reduzierung der Emissionen ist immer noch die beste Möglichkeit, die Auswirkungen der globalen Erwärmung zu mildern, und es gibt viele Dinge, die man auf individueller Ebene tun kann. Das Wirksamste davon ist persönlicher Aktivismus, um die Entscheidungsträger zum Klimaschutz zu bewegen. Oder eben sich für Moonshot-Projekte einzusetzen.

Im Sinne von ‚Doing Good Better‚ ist eine ziemlich gute Option, einen Weg mit hohem Risiko und hohem Ergebnispotenzial zu verfolgen: Ein (soziales) Unternehmen wie Ecosia gründen. Eine gemeinnützige Organisation wie ClimateScience gründen. Oder Technologien z.B. für Carbon Capturing zu entwickeln. Diese Wege sind vielleicht nicht für jeden geeignet, und sie bergen das Risiko des Scheiterns. Aber potenziell können sie eine große (d.h. skalierbare) Wirkung haben.

Die aktuelle Situation mit dem technologischen Fortschritt ähnelt der Neolithischen Revolution.

Wie Yuval Noah Harari in seinem Buch Sapiens sehr schön aufzeigt, war Landwirtschaft eine Falle. Bauern arbeiteten länger und hatten schlechtere Lebensbedingungen als Jäger und Sammler. Aber da die Bevölkerung explodierte, gab es keinen Weg zurück, da Jagen und Sammeln eine so große Bevölkerung nicht ernähren konnte. Und tatsächlich erwies sich dies auf lange Sicht als viel besser als das Leben der Jäger und Sammler: Ohne die Landwirtschaft wären wir nicht auf unseren heutigen Lebensstandard gekommen.

Gleichermaßen gibt es keine Möglichkeit, zu einer Gesellschaft ohne Technologie zurückzukehren. Im letzten Jahrhundert haben Technologien den Lebensstandard weltweit erhöht, aber auch Umweltverschmutzung und globale Erwärmung verursacht. Angesichts der Trägheit der Politik, der mangelnden Bereitschaft der Menschen in den „entwickelten Ländern“, ihren Lebensstandard einzuschränken, und des aktuellen Stands der Klimakrise bleibt die Weiterentwicklung von Technologien entscheidend. Auch wenn die Illusion einer einfachen technischen Lösung zur Behebung der Klimakrise die Politiker davon abhalten könnte, effektive Maßnahmen zu ergreifen.

Kürzlich hat Elon Musk angekündigt, 100 Milliarden Dollar für einen Wettbewerb um die effektivste Technologie zur CO2-Abscheidung zu spenden. Bäume und andere Pflanzen tun dies bereits, aber kann es technologisch effizienter gemacht werden? Wahrscheinlich schon. Mal sehen, welche Lösungen der Wettbewerb hervorbringen wird.

Klima-Eskapismus

Während der australischen Buschfeuersaison 2020 brannten große Landflächen, und viele Menschen mussten umziehen, die dann als erste Klimaflüchtlinge galten. Das ist ziemlich ironisch, denn Australien ist auch eines dieser „entwickelten Länder“ mit hohen CO2-Emission, insbesondere durch die Kohleindustrie.

Angesichts der FFF-Mars-Tourismus-Werbung kommt eine andere Form der Flucht zur Diskussion: Eskapismus. Angesichts der Ambitionen von SpaceX und anderen wird interplanetare Raumfahrt in diesem oder im kommenden Jahrzehnt machbar werden, was einige praktische und ethische Fragen aufwirft: Sollten „die Reichen“ im Falle einer globalen Katastrophe auf der Erde zu einer Raumstation oder gar zum Mars fliehen dürfen?

Es erinnert mich an die Sci-Fi-Trilogie ‚Trisolaris‚ von Cixin Liu, in der sich die Menschheit einer bevorstehenden Invasion einer überlegenen außerirdischen Spezies, den Trisolaranern, gegenüber sieht. Als sich durch Spuren im intergalaktischen Medium dir Evidenz manifestiert, dass eine Flotte von Trisolaranern auf dem Weg zur Erde ist, ist dies der Sputnik-Moment, der weltweit Krisen und Depressionen auslöst.

Aber dann schaltet die Menschheit in den Hyperdrive: Neue Erfindungen und massive Investitionen führen zum Bau von Weltraumaufzügen und Raumschiffen. Regierungen auf der ganzen Welt schließen sich zusammen und konzipieren das „Wallfacer-Projekt“ als globale Verteidigungsstrategie. Und ein globales Verbot der Flucht von der Erde wird verhängt. Da ist sie wieder, die Diskussion über Eskapismus.

Was würdest Du heute tun, wenn Du wüsstest, dass eine Flotte trisolarischer Schlachtschiffe auf der Erde eintreffen würde – in 300 Jahren. Du selbst würdest niemals auf Trisolaraner treffen. Auch Deine Kinder würden das nicht. Aber Du würdest mit Sicherheit wissen, dass sie irgendwann ankommen und die Erde zerstören werden. (Oder zumindest die Menschheit versklaven.)

Die Klimakrise ist insofern ähnlich, als dass es nicht wirklich eine Rolle spielt, ob ein großer Teil der Menschheit in 300 Jahren durch Aliens oder Naturkatastrophen ausgelöscht wird. Aber anders als im Fall der Alien-Invasion haben verschiedene Länder unterschiedliche Interessen bezüglich der Klimakrise. Nicht nur die ölproduzierenden Länder. Einige Länder wie Russland könnten sogar gastfreundlicher und weniger frostig werden und von ein paar Grad mehr profitieren.

Die Auswirkungen des sich ändernden Weltklimas sind schleichend, aber es ist nicht klar, welche Katastrophe als nächstes eintritt. Das Sputnik-Ereignis steht noch bevor.

TL;DR

Wir sollten die Klimakrise mit der gleichen Ernsthaftigkeit behandeln wie eine bevorstehende Alien-Invasion. Wir müssen uns darauf vorbereiten, und anstatt die Erforschung des Weltraums als „Eskapismus“ abzutun, sollten Wissenschaftler und Aktivisten bei diesem Thema eng zusammenarbeiten.

*Disclaimer: Die Klimakrise ist ein echtes Problem, und die FFF-Bewegung leistet insgesamt wichtige Arbeit, um Menschen auf dieses Thema aufmerksam zu machen, was ich absolut unterstütze. Ich hatte nur den Eindruck, dass dieser spezielle Clip kein besonders guter PR-Schachzug war.